„Der Markt ist enger geworden“

Jürgen Rollin „Der Markt ist enger geworden“

Interview mit Kirchenrat Jürgen Rollin, Vorstand des Diakonischen Werkes der Evangelischen Landeskirche in Baden e. V, zu Initiative „gemeinsam gewinnen“

Das Diakonische Werk der Evangelischen Landeskirche in Baden e.V. und der Caritasverband für die Erzdiözese Freiburg e.V. haben im Jahr 2005 die Initiative „gemeinsam gewinnen” ins Leben gerufen. Die Initiative fördert neue soziale Partnerschaften zwischen Unternehmen und Mitgliedseinrichtungen von Caritas und Diakonie in Baden.

Schon durch die Kooperation zwischen der Diakonie und der Caritas hat die Initiative ein deutliches Zeichen gesetzt, dass sie zum Wohl des Gemeinwesens Grenzen überwinden und neue Partnerschaften begründen möchte.

Kirchenrat Jürgen Rollin, Vorstand des Diakonischen Werkes der Evangelischen Landeskirche in Baden e. V., berichtet aus den Erfahrungen der ersten acht Jahren der Initiative und von den zukünftigen Vorhaben.

 

3WIN: Herr Rollin, wenn Sie zurückblicken auf die ersten acht Jahre der Initiative – was hat Sie am meisten überrascht?

Jürgen Rollin: Die unglaubliche Aufgeschlossenheit gerade von kleineren und mittleren Unternehmen, bei der Initiative mitzuwirken. Als wir die Initiative „gemeinsam gewinnen” initiiert haben, waren wir eher auf Großunternehmen fixiert. Im konkreten Vollzug der ersten acht Jahre hat sich herausgestellt, dass die Bereitschaft bei den kleineren Unternehmen unerwartet groß ist, so dass wir schon einige stabile und langfristige Partnerschaften begründen konnten.

Zudem hat mich überrascht, wie gut die beiden Verbände Diakonie und Caritas sich zu einem gemeinsamen Wirken zusammengefunden haben. Man kann sagen, dass wir auf dem „Markt“ oft als Konkurrenten auftreten. Natürlich traten diese Spannungen auch am Anfang von „gemeinsam gewinnen“ auf. Nachdem wir diese bereinigt hatten, ist eine sehr gute Zusammenarbeit entstanden. Das Denken, dass die Initiative „gemeinsam gewinnen” gemeinsame Chancen beinhaltet, ist sowohl in den Spitzenverbänden als auch in den Mitgliedsorganisationen angekommen.

 

Wie entstand die Idee zur Initiative „gemeinsam gewinnen“?

Den ersten Impuls kam durch die Kampagne „Handeln Ehrensache“, die das Diakonische Werk der Evangelischen Kirche im Jahr 2001 anlässlich des Internationalen Jahr der Freiwilligen startete. Bei einer Veranstaltung zum Thema Bürgerschaftliches Engagement lernte ich Dieter Schöffmann kennen, der „Handeln Ehrensache“ als externer Berater begleitete. Er stellte uns die Idee der Engagementpartnerschaften zwischen gemeinnützigen Organisationen und Wirtschaftsunternehmen erstmalig vor. Gemeinsam entwickelten wir die die Initiative „gemeinsam gewinnen“, seine Begleitung in den ersten Jahren war maßgeblich für den Erfolg der Initiative.

 

Herr Rollin, der erste Engagementbericht der Bundesregierung befasst sich mit dem bürgerschaftlichem Engagement von Unternehmen, die Marktplatz-Methode „Gute Geschäfte“ ist deutschlandweit eingeführt – in den letzten Jahren hat sich zum Thema Corporate Social Responsibility in Form von Partnerschaften zwischen Wirtschaftsunternehmen und Gemeinnützigen vieles getan. Was sagen Sie als Pionier zu dieser Entwicklung?

Die Idee ging in die Breite und hat Wurzeln geschlagen. Ich bin immer wieder erstaunt, in welchen Zusammenhängen ich inzwischen von Corporate Social Responsibility höre. Uns bestärkt es darin, an unserem Grundgedanken festzuhalten: Wir wollen die unterschiedlichen Lebenswelten aus Wirtschaft und aus dem sozialen Bereich in Kontakt und Austausch bringen und das wechselseitige Lernen fördern.

Ein gutes Beispiel dafür ist unser Projekt SeitenWechseL, das wir immer verfolgt haben und in Zukunft ausbauen wollen. Über SeitenWechseL arbeiten Auszubildende von unseren Partnern aus der Wirtschaft für eine begrenzte Zeit in einer sozialen Einrichtung ehrenamtlich mit. Sie werden von unseren Referent/-innen vorbereitet, begleitet und bei der Auswertung unterstützt. Ich bin fast immer dabei, wenn die Ergebnisse auf Vorstandsebene in den Ausbildungsunternehmen präsentiert werden. Ich bin sehr beeindruckt, wie professionell die Auszubildenden ihr Engagement präsentieren und wie differenziert sie ihre Lernerfahrung darstellen. Es ist mehr als deutlich, dass sie aus dieser Erfahrung Anregungen für ihr Leben mitnehmen.

Bei SeitenWechsel wird übrigens auch noch einmal deutlich, wie wichtig es ist, die richtigen Personen im Unternehmen zu überzeugen: Wir wenden uns an die Personalverantwortlichen, sobald diese gewonnen sind, läuft die Maßnahme.

 

Wie wirkt sich das steigende Interesse am Thema CSR und Neue soziale Partnerschaften auf die Initiative „gemeinsam gewinnen“ aus?

Die Ressource CSR ist begrenzt, das merken wir sehr deutlich. Der Markt der interessierten gemeinnützigen Organisationen ist größer geworden und teilweise entstehen klare Konkurrenzen. Für uns zeigt sich inzwischen, wie wertvoll es war, von Anfang an den Baden-Württembergischen Genossenschaftsverband e. V. als Partner neben der Diakonie und der Caritas in die Initiative einbezogen zu haben. Zum einen teilen wir den Grundgedanken der Solidarität und finden uns gut in der Initiative wieder. Zum anderen konnten wir in den letzten acht Jahren sehr stabile Partnerschaften zwischen den Mitgliedsorganisationen der Caritas, Diakonie und der Genossenschaftsverbandes begründen. Wir haben 15 Partnerschaften mit Volks- und Raiffeisenbanken, die sich sehr aktiv und regelmäßig mit ihren Partnerorganisationen engagieren. Seit Vier Jahren haben wir uns verbindlich zu einer „Aktionsgemeinschaft gemeinsam gewinnen“ zusammengeschlossen und damit den Projektstatus beendet. Die Aktionsgemeinschaft will auf Dauer tätig sein und kontinuierlich zusammenwachsen.

Darauf können wir nun bei diesem enger werdenden Markt bauen. Für diesen würde ich mir grundsätzlich wünschen, dass die Vertreter/-innen des gemeinnützigen Sektors in eine geordnete Zusammenarbeit kommen, statt sich gegenseitig das Wasser abzugraben.

 

Welche Veränderungen beobachten Sie bei der Ausgestaltung der Neuen Sozialen Partnerschaften?

Es wird immer professioneller. Wir arbeiten eng mit Banken zusammen und hier haben sich in den letzten Jahren ganz neue Ausbildungsberufe wie z.B. Veranstaltungskaufmann/frau  gebildet. Für uns in der Diakonie und Caritas sind solche Professionen sehr interessant. Wir überlegen, ob wir nicht in einem Ausbildungsverbund von Diakonie, Caritas und dem Genossenschaftsverband diese Ausbildungen anbieten. Auch hier bewährt sich wieder die gewachsene Zusammenarbeit – Caritas und Diakonie würden solch eine Ausbildung alleine nicht anbieten können.

 

Herr Rollin, was wünschen Sie sich für die Zukunft der Aktionsgemeinschaft „gemeinsam gewinnen“?

Die Initiative ist nach acht Jahren gut gesettelt. Das ist das Positive. Anders herum gesehen müssen wir nun verstärkt darauf achten, dass wir nicht in der Routine erstarren.

Die Akteure der ersten Stunde auf Vorstands- und Referentenebene ziehen sich langsam zurück und unsere Aufgabe ist es nun, die nächste Generation zu begeistern, das Feuer aufrecht zu erhalten, wenn die 1. Generation abtritt.

Zudem wünsche ich mir, dass unsere Mitgliedsorganisationen die Idee von „gemeinsam gewinnen“ stärker mittragen und in ihrem Denken und Handeln verankern. Wir hatten am Anfang der Initiative erwartet, bei Wirtschaftsunternehmen auf Vorbehalte zu stoßen. Die Erfahrung hat uns das Gegenteil gelehrt. Ich bin fasziniert von der Offenheit, die dort herrscht. Auf Vorbehalte stoßen wir wider Erwarten überwiegend bei den Gemeinnützigen.

Herr Rollin, wir danken Ihnen für das Interview!

 

 

www.gemeinsam-gewinnen.com

Kontakt zu Initiative „Gemeinsam gewinnen“

 

Jürgen Rollin, Kirchenrat

Diakonisches Werk der Evangelischen Landeskirche in Baden e.V.
Vorholzstr. 3
76137 Karlsruhe
Tel.: 0721 93 49-323
rollin@diakonie-baden.de

Katharina Müller
Caritasverband für die Erzdiözese Freiburg e.V.
Alois-Eckert-Str. 6
79111 Freiburg
Tel.: 0761/8974-105
gg@caritas-dicv-fr.de

 

Dietrich Herold
Baden-Württembergischer Genossenschaftsverband e. V.
Heilbronner Str. 41
70191Stuttgart
Tel.: 0711/22213-1428
dietrich.herold@bwgv-info.de