Interview Hilgenstock

Hilgenstock„Wir müssen mehr über die Wirkung unseres gesellschaftlichen Unternehmensengagements wissen!“

Interview mit Dr. Marita Hilgenstock, Corporate Responsibility-Managerin der RWE AG. Sie vertritt RWE in der WIE-Initiative und leitet dort die Arbeitsgruppe zur Wirkungsorientierung und –messung.

 

 3WIN: Frau Dr. Hilgenstock, die WIE-Initiative befasst sich wie die 3WIN-Initiative „Gemeinsam wirken“ auch mit den Aspekten der Kooperation –zwischen Unternehmen, Zivilgesellschaft und Staat – und der Lösung von Problemen in der Gesellschaft. Wie ist der augenblickliche Stand der Initiative?

Dr. Hilgenstock: Wir sind als reines Unternehmensnetzwerk gestartet. Als solches arbeiten wir auch mit dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) zusammen in Themen, die beide Seiten gemeinsam voranbringen können. Wir haben auch die Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft begonnen im Rahmen von Dialogveranstaltungen, in denen wir unser Wissen, unsere Erfahrungen teilen.

 

Ein Schwerpunkt der Initiative ist ja die Weiterentwicklung von Handlungskonzepten zur Wirkungsorientierung des gesellschaftlichen Unternehmensengagements und der Wirkungsmessung. Wie ist hier der aktuelle Stand?

Die wesentliche Erkenntnis, die wir beginnend mit der Auseinandersetzung mit dem LBG-Modell in 2006 (im Rahmen von Veranstaltungen zum Modell und Berichtsstandard der „London Benchmarking Group“ – LBG – in Deutschland – lbg-online.net; Anm. d. Red.) bis heute erlangt haben, ist die, dass wir mehr über die Wirkung unseres gesellschaftlichen Unternehmensengagements wissen müssen, dass wir uns aber auch nicht im Detail verlieren dürfen. Deswegen haben wir jetzt bei WIE den Ansatz gewählt, nach einer praktikablen Methodik zu suchen, die sich für eine strukturierte und vergleichende Berichterstattung des Unternehmensengagements und seiner Ergebnisse eignet. Hierbei geht es nicht um ein Werturteil über das Engagement, sondern um die Möglichkeit, Dinge vergleichbar anschauen zu können, um daraus zu lernen. Also: Wie können wir Äpfel mit Birnen – bzw. unterschiedliche Engagementprojekte – so vergleichbar machen, dass Unternehmen daraus Schlüsse für das zukünftige Engagement ziehen können: Was passt zu uns, was können wir am besten, wie muss ein Projekt aussehen, wenn ich es fortsetzen will, wo steckt die besondere Werthaltigkeit eines Projektes – unabhängig davon, ob das konkrete Engagement etwa im Bereich der Bildung, der Gesundheit oder des Umweltschutzes stattfindet. Hierbei geht es uns um den Erkenntnisprozess, die Entwicklung von Methoden, mit denen wir eine Vorstellung von der Wirksamkeit unseres jeweiligen Unternehmensengagements entwickeln können, ohne dass wir hierzu jeweils eine wissenschaftliche Studie durchführen müssen. Das war immer schon die Herausforderung: Wie weit können wir aus einer Vogelperspektive entscheidungsrelevante vergleichende Bewertungen unterschiedlicher Engagementprojekte vornehmen. Diesem Anspruch stellt sich die WIE.

 

Man könnte also sagen, Sie entwickeln ein Rüstzeug, eine Vorgehensweise für die Beurteilung und Planung konkreter Engagementprojekte?

Es geht zunächst einmal darum, eine vergleichende Darstellung möglich zu machen ohne Werturteil. Deswegen haben wir diese Struktur aufgebaut. Ich kann eine vergleichende Darstellung ja nur dann entwickeln, wenn ich eine Struktur habe, mit der ich vergleiche.

Das ist immer ein wenig holzschnittartig. Aber wir wollen den Holzschnitt so legen, dass die wichtigen Dinge bleiben. Was wir im Laufe der Diskussion erkannt haben ist, was wir heute machen: Zum Input und Output -  also die für das Engagement eingesetzten Mittel und die Maßnahmen – wird viel berichtet. Jedoch: Wer denkt daran, auch etwas darüber auszusagen, was nach der Maßnahme kommt? Allein die Tatsache, dass ich mich als Unternehmen von vorneherein darauf verständige, über das Maßnahmenende hinaus zu berichten – ohne jetzt schon sicher sein zu können, was es sein wird – wäre schon ein Fortschritt. Es stößt einen Lern- und Verbesserungsprozess an.

Wir wollen mit unserem Ansatz schon bei der Planung des Engagements Fragen aufwerfen hinsichtlich der anzustrebenden Ergebnisse und Wirkungen, die zu einem frühen Zeitpunkt zum Nachdenken auffordern: Kann ich dazu antworten, kann ich dazu nicht antworten? Welche Schlüsse ziehe ich daraus für die Projektauswahl bzw. -gestaltung? Was oder wie könnte es besser gemacht werden? Mit der Forderung, frühzeitig Projekte zu hinterfragen, lernen das Unternehmen und auch die Projektpartner in der Zivilgesellschaft – das Vorgehen, das wir vorschlagen, soll für alle Sektoren dasselbe sein – auch dazu, das Engagement entwickelt sich weiter – auch durch das Erkennen von Verbesserungspotenzialen.

 

Wenn Unternehmen sich auf diese Fragen und diesen Lernprozess einlassen und schon bei oder gar vor der Projektentwicklung bzw. –auswahl sich der Frage nach dem Problemlösungsbeitrag ihres Engagements stellen: Führt dies zu einer neuen Qualität im Unternehmensengagement?

Da wäre ein Ziel. Es stellt sich dann die Frage: Adressiert das Projekt das wesentliche Problem, die wesentliche Zielgruppe? Oder ist es eines von vielen Problemen? Und ist das auch gut so? Gibt es andere, die das gleiche Problem adressieren? Habe ich mir deren Engagement angeschaut? Oder bin ich der Einzige, der das macht? Ist das Problem wirklich relevant, wenn sich kein anderer darum kümmert oder gerade weil sich sonst keiner darum kümmert?

 

Wie schätzen Sie das ein: Gibt es schon viele Unternehmen, die so kritisch bzw. strategisch an ihr Engagement herangehen, dass sie eine solche Problemdiagnose vornehmen und daraus konsequent ihr Engagement ableiten?

Es werden mehr, aber es fehlt das Rüstzeug. Alles was heute auf dem „Markt“ ist, ist zu kompliziert, um es in jedem Fall einzusetzen. Die Reflexion beschränkt sich auf einige Großprojekte.

Die Projektpartner haben für ihren Engagementfokus in der Regel ein gutes Verständnis von WirksamkeitUnd das ist auch der Part, wo man als Unternehmen von seinem Partner, mit dem man das macht, noch sehr, sehr viel lernen kann, weil der in der Regel die Fachkompetenz für das Problem und seine Lösung hat. Aber der Vergleich von Äpfeln mit Birnen – bildlich gesprochen – fällt schwer.

 

Was fordert also dieser Ansatz vom gemeinnützigen Partner oder auch von der Kommune?? Wer muss die Diagnose liefern und auch die „Theory of Change“, das Wirkungskonzept?

Es sollte im gemeinsamen Gespräch entwickelt werden, aber es ist sicher gut, wenn das Wirkungskonzept gleich zu Anfang zum Thema wird. Viele Erstansprachen adressieren nur die Problemlage und die Dringlichkeit.

 

Also auch, welche Rolle dieses Unternehmen in einer Wirkungskette spielen würde?

Ja und noch darüber hinaus. Warum gerade dieses Unternehmen? Diese Frage muss man auch offen stellen können. Die gemeinnützige Organisation oder die Kommune sollte also vorab so weit wie möglich sondieren, ob sie denn das richtige Unternehmen ansprechen.

Wir erleben das im Alltag als Unternehmen. Wir erhalten so viele Anfragen, die bei anderen Unternehmen sehr viel besser aufgehoben wären. Und ein Unternehmen, das jetzt sagt, wo es seinen Schwerpunkt sieht, wird dann bestimmte Dinge nicht mehr tun. Und wenn das so verstanden ist, wenn darauf geachtet wird, wer ist der beste Partner auf Unternehmensseite, dann werden manche Anfragen nicht mehr im Schrotschussverfahren an die gesamt lokale Wirtschaft gestellt werden. Es wird dann viel eher sehr klug überlegt, für wen das jeweilige Vorhaben tatsächlich spannend sein kann. Daraus entstehen ja dann auch die Partnerschaften, die sehr lange leben, da sie Sinn machen.

 

Die Aufgabe auf gemeinnütziger Seite wäre also, sich dieses WIE-Konzept zur Wirkungsorientierung anzuschauen und zu prüfen, ob man wirklich schon über ein geeignetes Wirkungs- und Handlungskonzept verfügt und daraus konsequent die Partnersuche abgeleitet hat – statt nur der Vermutung nachzugehen, die könnten Geld für uns haben.

Und das mag zwar erst mal die Anzahl der Unternehmen, die infrage kommen, reduzieren. Aber die, die man dann identifiziert, bieten auch das Potenzial für eine entsprechend gute Kooperation mit langfristiger Perspektive. Und das ist ja auch der Sinn der Nachhaltigkeit eines Projektes. Ich will ja als Gemeinnütziger nicht nur einmal Geld haben, um dann alsbald nach einem neuen Geldgeber suchen zu müssen. Es wäre dann nur wichtig, dass Unternehmen klar sagen, auf was sie Wert legen – und was sie selbst einbringen können.

 

Wenn jetzt gemeinnützige Organisationen so vorgehen, dann kommen in der Tat erst mal weniger Unternehmen infrage. Wo sind denn da die Chancen, Unternehmen auch zu erreichen? Es gibt ja z.B. auch kleinere bzw. inhabergeführte Unternehmen, wo die Entscheider sagen, lass mich mit dem ganzen strategischen Kram in Ruhe. Wenn ihr eine gute Organisation seid, bekommt ihr das Geld und dann fertig. Bei denen würde man ja mit einem solchen Denken nicht landen oder?

Das Bauchgefühl der kleineren bzw. inhabergeführten Unternehmen ist garnicht zu unstrategisch. Das würde ich nicht unterschätzen. Die Idee ist natürlich, dass auf der anderen Seite Unternehmen sich diese Gedanken zu eigen machen müssen. In dem Augenblick, wo sowohl der zivilgesellschaftliche Partner als auch das Unternehmen dieses Grundverständnis haben, wird es sehr leicht werden, miteinander zu reden.

 

Sie empfehlen, dass gemeinnützige Organisationen auf Basis dieses Konzeptes Unternehmen hinsichtlich Ihrer  Potenziale analysieren sollen und dann gezielter auf Unternehmen zu zugehen: “Wir haben hier eine Herausforderung und wir sind der Auffassung, dass Sie aus diesen und jenen Gründen genau der geeignete Partner sind, weil Sie diese und jene Kompetenzen und Möglichkeiten und Zugänge haben, um einen relevanten Beitrag zu leisten.“

Genau. Das wäre eine Möglichkeit. Und auf der anderen Seite können sie am Ende sagen, ich habe hier ein Konzept, das nicht nur darüber berichtet, wie viel Geld ausgegeben wurde und wie viele Broschüren finanziert, sondern ich schaue auch gezielt nach auf der Ergebnis-Ebene, so dass ich am Ende sagen kann, was das Engagement für die Gesellschaft gebracht hat. Wir haben als Unternehmen gerne solche Projektpartner, die uns so z.B. sagen können, welche CO2-Einsparung wir mit unserem Engagement erreichen oder wie viele Unfälle potenziell vermieden werden.

Dazu kommt die Lernperspektive. Am Ende des Engagements kann Erfahrung weitergegeben werden – auf einem Kongress präsentiert zum Beispiel oder man tritt gemeinsam für geänderte Rahmenbedingungen ein,. In allen Engagements steckt heute schon mehr „Wirkung“ als wir bislang herausgezogen haben.

Frau Hilgenstock, vielen Dank für das Interview!

Das Unternehmensnetzwerk WIE stellt Arbeitshypothesen zur Wirkungsmessung von gesellschaftlichem Engagement vor: www.cccdeutschland.org/de/infothek/presentations