Aufruf

Bürgerengagement wirkt in der Kommune – Einladung zum Praxisdialog

Mehr und mehr Kommunen haben für sich die Bedeutung des bürgerschaftlichen Engagements entdeckt und fördern es in vielfältiger Weise. Wo finanzielle und personelle Ressourcen in diese Förderung fließen, stellt sich zunehmend die Frage, welche Ergebnisse, welche Wirkungen denn hier tatsächlich erzielt werden (können). Und dort, wo sich Kommunen zukünftig verstärkt auf diesen Weg machen wollen, stellt sich die Frage ähnlich.

Bürgergesellschaft, das freiwillige, ehrenamtliche Engagement ist ein weites und vielfältiges Feld. Wo soll denn eine Förderung in welcher Weise ansetzen und welche Wirkungsindikatoren kann es hier geben? Eine erste Antwort ist u.E. die Unterscheidung in (mindestens) vier Wirkungsdimensionen, die eine jeweils andere Bedeutung für das Gemeinwesen haben und auch nach unterschiedlichen (Förder-)Maßnahmen rufen.

Mit der folgenden Beschreibung dieser vier Wirkungsdimensionen möchten wir Sie zur Diskussion derselben aufrufen und dazu, uns Beispiele guter, wirksamer Praxis in der einen oder anderen Dimension zuzusenden. Diese Beispiele werden wir dann in den folgenden Newslettern „Gemeinsam wirken“ und auf der Website veröffentlichen.

 

Vier Wirkungsdimesionen des Bürgerengagements

Mindestens folgende vier Wirkungsdimensionen des bürgerschaftlichen Engagements konnten wir bisher beobachten: „Bürgerkompetenz“, „Sozialkapital“, „Ko-Produktion“ und „Systemlösungen“.

In der Dimension Bürgerkompetenz wirkt sich das Engagement bei den engagierten Menschen selbst aus. Bürgerengagement und die damit gesammelten Erfahrungen tragen zu einer reifen Persönlichkeitsbildung bei. Aus dieser Perspektive geht es bei der Engagementförderung darum, möglichst vielen Menschen im Gemeinwesen möglichst früh die Gelegenheit zu geben, sich im sozialen Umfeld zu engagieren – sei es im Verein, in der Nachbarschaft oder an anderen Orten. Hier kommt den Schulen und evtl. auch schon den KiTas als Engagementförderer eine besondere Verantwortung zu – gerade auch vor dem Hintergrund der Verdichtung der Schulzeit und die Ausdehnung auf den Ganztag. So sollte und könnte jede Schule „ServiceLearning“ (www.servicelearning.de) bieten, um nur ein Beispiel zu nennen. Ein anderer Beitrag zum Erwerb dieser Bürgerkompetenz kann die Förderung des bürgerschaftlichen Engagements von Mitarbeitern nicht nur von Unternehmen, sondern auch der öffentlichen Verwaltung, sein. Oder Freiwilligenagenturen tragen mit breit angelegten Angeboten zum „Engagementschnuppern“ – etwa in Form eines Freiwilligentages – dazu bei, dass jede und jeder in der Stadt die Gelegenheit erhält, bürgerschaftliches Engagement kennenzulernen und zu beginnen.

Die Bildung von Sozialkapital im Gemeinwesen ist die zweite Dimension und steht in einem engen Zusammenhang mit der Bürgerkompetenz. Das Sozialkapital einer Person wie das eines Gemeinwesens ist zu verstehen als die Zahl (belastbarer) Beziehungen. Diese Beziehungen werden gerade auch durch Bürgerengagement gebildet und gestärkt. Und wenn das Engagement über Milieu- und Interessengrenzen hinaus stattfindet, dann bildet es auch viele Brücken, die letztendlich zum Zusammenhalt im Gemeinwesen beitragen. Der amerikanische Soziologe und Politikwissenschaftler Robert Putnam hat mit seinen Forschungen z.B. den Zusammenhang zwischen dem Grad an Bürgerengagement und der Lebensqualität im Gemeinwesen festgestellt – relativ unabhängig davon, in welchem Bereich das Engagement stattfindet. Wenn es der Kommune also um diese Binde- und Brückenwirkung und die positiven Impulse für die Lebensqualität geht, dann sollte also darauf geachtet werden, dass es möglichst viele Engagementgelegenheiten gibt – sei es in Sozial-, Freizeit-, Kultur-, Sport- oder anderen Bereichen. Ein wichtiger Beitrag hierzu kann z.B. die Förderung des Freiwilligenmanagements gemeinnütziger Organisationen sein, durch entsprechende Qualifizierungsangebote u.a.. In der einen oder anderen gemeinnützigen Branche könnte es auch darum gehen, den Trend weg vom bürgerschaftlichen Engagement (mit mehr oder ausschließlicher hauptamtlicher Arbeit) umzukehren. Ein starker Impuls in diese Richtung kann von der Änderung der Förderpraxis ausgehen: Öffentliche Förderung in Abhängigkeit vom Grad des bürgerschaftlichen Engagements, den die zu fördernde Organisation aufweist.

Dieser Impuls, gemeinnützige Organisation zur (verstärkten) Öffnung für das bürgerschaftliche Engagement zu bewegen, trägt auch zur nächsten Wirkungsdimension bei: der Ko-Produktion. Hierbei geht es um das konstruktive Zusammenwirken haupt- und ehrenamtlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Dabei sollte nicht der erhoffte Einspareffekt aufseiten der Personalkosten (Ehrenamtliche ersetzen Hauptamtliche) im Mittelpunkt stehen, sondern der Einspar- oder auch der Qualitätseffekt, der durch die problemlösende und leistungsverbessernde Wirkung ehrenamtlicher, freiwilliger Mitarbeit entsteht. So hat Frau Prof. Müller-Kohlenberg in ihrem Buch „Laienkompetenz im psychosozialen Bereich. Beratung – Erziehung – Therapie“ herausgearbeitet, dass vom Ergebnis her die Leistung von Ehrenamtlichen, also „Laien“, denen der Beruflichen bzw. Hauptamtlichen gleichzusetzen ist. Und Altenheime z.B., die bewusst mit einem starken Team ehrenamtlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten, müssen sich keine Sorgen machen um Beschwerden hinsichtlich ihrer Qualität. Im Bildungsbereich können etwa ehrenamtliche Mentoren oder Lesepaten die entscheidende zusätzliche Facette neben den hauptberuflichen Pädagogen sein, die zum Lernerfolg gerade bei bildungsfernen Biografien beitragen. Und damit werden dann letztendlich auch die Sozialkassen entlastet. Neben ihrer Förderpraxis kann und sollte die Kommune in vielen Bereich der Daseinsvorsorge Konzepte auflegen, die wo möglich den Aspekt der Ko-Produktion aufgreift.

Verbessert die Ko-Produktion die Leistungen und Ergebnisse der Daseinsvorsorge, so geht es bei der Wirkungsdimension Systemlösungen um die Bewältigung komplexer Herausforderungen im Gemeinwesen. Wenn es um die (Re-)Integration prekärer Quartiere, um die Senkung der Schulabbrecherquote, um den Abbau von Langzeitarbeitslosigkeit, um die Gestaltung des demografischen Wandels u.a.m. geht, dann ist es nicht mehr mit der – in Ko-Produktion erbrachten – einzelnen Sozialleistung (oder auch dem koordinierten Sozialleistungsmix) getan. Diese Probleme erfordern zu ihrer Lösung das Zusammenwirken und gemeinsame Lernen unterschiedlicher Akteure – wie zum Beispiel verschiedene Teile der Stadtverwaltung, gemeinnützige Organisationen, Unternehmen und ihre (bürgerschaftlich engagierten) Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Sozialinvestoren, Nachbarschaften, bürgerschaftlich engagierte Individuen, Initiativen und andere mehr. Diese sicher ambitionierteste Wirkungsdimension von Bürgerengagement und Bürgergesellschaft wird nicht nur von 3WIN mit der Initiative „Gemeinsam wirken“ (www.gemeinsam-wirken.de) konzeptionell bearbeitet, sondern schon etwas länger in den USA unter dem Begriff des „Collective Impact“ (siehe z.B.: www.ssireview.org) oder inzwischen auch von der Bertelsmann Stiftung, die hierzu – ebenfalls unter dem Titel „Gemeinsam wirken“ – eine Praxisanleitung für Kommunen herausgegeben hat (siehe www.bertelsmann-stiftung.de). In dieser Wirkungsdimension geht es nicht mehr nur um Enga-gementförderung. Vielmehr ist die Kommune als unmittelbarer Akteur gefordert, der den Problemlösungsbedarf identifiziert und Akteure, die zur Lösung beitragen könnten, in einen offenen und gemeinsamen Handlungs- und Lernprozess einlädt.

 

Welche Erfahrungen machen Sie in Ihrer Kommune mit den Wirkungsdimensionen „Bürgerkompetenz“, „Sozialkapital“, „Ko-Produktion“ und „Systemlösung“? Welche gute – also wirksame – Praxis gibt es bei Ihnen in der einen oder anderen Dimension? Schicken Sie uns Ihre Hinweise, Konzepte, Dokumentationen usw.. Wir greifen diese dann in den nächsten Ausgaben von „Gemeinsam wirken“ auf.

(kr / ds)

 

Kontakt: info@3win-institut.de, fon 0221 42060734